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Analyse


 

Die Landesregierung NRW hat neue Pläne für unsere Schulen. Wir haben eine kleine Rechnung für die Landesregierung.

 

the nine most terrifying words in the English language are, I'm from the government and I'm here to help.

Ronald Reagan (1911-2004)

Das Problem

Seit TIMS/PISA/IGLU ist die Bildungsdebatte zum Dauerbrenner in der deutschen Politik geworden. Im Gegensatz zur letzten Bildungsdebatte Ende der 60er Jahre fehlt es diesmal sowohl an wirklich exponierten Meinungsführern (Wie in den 60ern Ralf Dahrendorf beispielsweise). Die Landesregierung NRW hat natürlich auch Probleme und Lösungsvorschläge in die Debatte einzubringen. Hier einer davon:

„CDU und FDP wollen damit die Rücklaufquote von rund 15 Prozent von höheren auf niedere Schulformen vermindern. 'Ich will nicht, dass Kinder von zu ehrgeizigen Eltern von oben nach unten durchgereicht werden', sagte Ministerpräsident Rüttgers” (Die Welt, 14.12.05)

Der Plan

Die Landesregierung möchte „die Schulempfehlung zum Ende der Grundschulzeit verbindlicher gestalten. Der Elternwille sei dann 'nicht mehr maßgeblich', wenn Lehrer etwa beim Halbjahreszeugnis der Klase 4 eine fehlende Eignung für eine bestimmte weiterführende Schulform bescheinigen”. Von Interesse ist für uns noch, die folgende Einsicht über Gerechtigkeit:

„Gerechtigkeit in der Schule meint nicht etwa die gleichmachende Gerechtigkeit aller, sondern fragt danach, was dem einzelnen Kind gerecht wird",

heißt es in dem Eckpunktepapier, das vom Landeskabinett beschlossen wurde. (Die Welt, 14.12.05)

Kein Urteil ohne Vor-Urteil: Die Faktenlage

Am 28.01.2004 wurde in Berlin ein zweiter Ergebnisbericht zur IGLU-Studie veröffentlicht. Eines der zentralen Ergebnisse dieser zweiten Runde war die Tatsache, dass es bei den Schulempfehlungen drunter und drüber geht. "Unverantwortlich" nannte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn die Schwächen der Schulempfehlungen, "wir verbauen Kindern damit die Chance auf ihre Zukunft". Genau gesagt, stellte die Studie fest, das ziemlich genau jedes zweite Kind eine falsche Schulempfehlung erhält.

Wieviel Prozent der Kinder sind überhaupt für eine weiterführende Schule geeignet? Aus den Zahlen des statistischen Bundesamtes können wir abschätzen, das etwa 30% der Schüler in Frage kommen könnten (Pressemtteilung des Bundesamtes).

Zur Sache

Die Landesregierung sagt, dass es auf die Gerechtigkeit im ganz individuellen Einzelfall ankommt. An genau dieser Stelle hapert es bei Schulempfehlungen aus ganz prinzipiellen Erwägungen, auf die zum ersten Mal der englische Mathematiker und Pfarrer Thomas Bayes (1702-1761, Mehr über Thomas Bayes) kam.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten einen Köder, der mit 60% Wahrscheinlichkeit eine Forelle in der Umgebung zum anbeissen bringt, und nur mit 10% Wahrscheinlichkeit einen anderen Fisch in der Nähe. Den Köder halten Sie nun mitsamt Angel in einen Karpfenteich. Und? Richtig, Sie angeln lediglich Karpfen, 100% daneben.

Für die Schulempfehlungen kann man das auch nachrechnen: Laut IGLU Studie hat ein Lehrer bei der Schulempfehlung eine Trefferwahrscheinlichkeit von grob 50%, wir wollen nicht kleinlich sein, und rechnen mit 60% Trefferwahrscheinlichkeit.

Wie hoch ist also die Wahrscheinlichkeit, einen geeigneten Schüler vorzufinden und als solchen zu erkennen? Wir müssen nur die Wahrscheinlichkeit einen solchen Schüler vorzufinden (30%) mit der Wahrscheinlichkeit einer korrekten Diagnose (60%) multiplizieren, also 60%*30% = 18%!

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit einen ungeeigneten Schüler vorzufinden und nicht als solchen zu erkennen? Um das zu erfahren, können wir die Wahrscheinlichkeit einen ungeeigneten Schüler vorzufinden (70%) mit der Wahrscheinlichkeit einer Fehldiagnose (100%-60%=40%) multiplizieren, also 40%*70%=28%.

Halten wir fest: Unter den realistischen durch IGLU und Bundesamt für Statistik gestätzten Annahmen unserer Rechnung, lauten von allen Schulempfehlungen 18% zutreffend auf „Gymnasium” und 28% unzutreffend auf „Gymnasium”. Mithin haben wir bei diesen Schulempfehlungen eine Irrtumswahrscheinlichkeit von 61%

Das Urteil

Eine einfache Wahrscheinlichkeitsrechnung zeigte uns, dass die Ursache für ”die Rücklaufquote von rund 15 Prozent” an der hohen Irrtumswahrscheinlichkeit von 61% bei der Schulempfehlung auf das Gymnasium liegt.

Das Problem der hohen „Rcklaufquote” nun dadurch zu lösen die „Schulempfehlung zum Ende der Grundschulzeit verbindlicher gestalten” zu wollen erscheint ganz eindeutig keine so besonders gute Idee zu sein.

Bedenken Sie bitte noch, dass wir die Irrtumswahrscheinlichkeit von 61% mit einer 10% besseren Qualität der Schulempfehlungen gerechnet haben, als momentan gegeben.

Bedenkt man nun noch, dass es Schulbezirke geben mag, wo der Anteil „geeigneter” Schüler noch deutlich unter 30% liegen mag, kann man ohne weiteres auf Irrtumswahrscheinlichkeiten von 70-80% kommen.

 
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