Advent, Advent, ein Argumentlein brennt.
Erster Streich: Moschee
Oder das Argumentum Tu Quoque
Cum grano salis
An jedem Adventssonntag analysieren wir ein Argument aus dem Bereich „Weihnachten”, im allerweitesten Sinne, nach dem
ups-Modell, dass sie schon aus dem Artikel Bauchlandung rückwärts kennen – falls sie
ihn gelesen haben.
- Advent: Moschee
- Advent: Kopftuch
- Advent: Geh doch
- Advent: Heuchler
Sehr kurze Einführung
Viele Argumente funktionieren so, dass sie einen unzweifelhaften Befund (u) benutzen, um
eine strittige Behauptung(s) zu untermauern. Das kann beispielsweise so aussehen:
| u | Aristoteles ist ein Mensch
|
| s | Also ist Aristoteles sterblich |
Die gewinnbringende Erkenntnis ist, dass der unzweifelhafte Befund und die strittige Behauptung durch ein
Beweisprinzip (p) verbunden sind. Dieses Beweisprinzip kann mal sehr schlüssig ausfallen, mal sehr zweifelhaft, aber nie
wird es ausdrücklich ausgesprochen. In unserem Fall sieht das Beweisprinzip (p) so aus:
| u | Aristoteles ist ein Mensch
|
| p | Alle Menschen sind sterblich
|
| s | Also ist Aristoteles sterblich |
Bei Sprechkultur sind wir der Meinung, dass für das Sprechdenken, also das schnelle Entwickeln von
Erwiderungsstrategien, das Erkennen des Beweisprinzips eine der grundlegenden Fertigkeiten ist, denn
das Beweisprinzip (p) lässt sich immer sehr einfach angreifen.
Moschee
Ein sehr beliebtes Argument gegen den Bau von Moscheen in Deutschland, ist das folgende
Christen in der Türkei dürfen keine Kirchen bauen, als sollten Moslems in Deutschland auch keine
Moscheen bauen dürfen.
Wir nehmen hier nicht Stellung zu der Frage, ob eine bestimmte Moschee gebaut werden soll, oder nicht!
Wir analysieren lediglich dieses eine Argument aus technischer Sicht. Wenn Sie die persönliche Meinung
Ihres Sprechkultur-Trainers wissen möchten, fragen Sie ihn einfach.
Unstrittiger Befund
Wie sieht denn nun das Moschee-Argument im ups-Schema aus. Der unstrittige Befund (u) ist die Behauptung,
dass Christen in der Türkei keine Kirchen bauen dürfen.
| u | In der Türkei dürfen Christen keine Kirchen bauen |
Strittige Behauptung
Die strittige Behauptung (s) wird auch direkt in obigem Argument genannt:
| s | Also sollten Moslems in Deutschland keine Moscheen bauen dürfen |
Beweisprinzip
Wie lautet nun das Beweisprinzip (p) nach dem man aus dem unstrittigen Befund „In der Türkei dürfen Christen keine Kirchen bauen”
folgern kann, dass „Moslems in Deutschland keine Moscheen bauen dürfen” sollten? Es lautet:
Oder wie der Römer sagen würde: „tu quoque”, Du auch.
Argumente dieses Typs heissen deswegen auch
Tu Quoque Argumente.
Fassen wir das Argument zusammen:
| u | In der Türkei dürfen Christen keine Kirchen bauen
|
| p | Was Du darfst, darf ich schon lange
|
| s | Also sollten Moslems in Deutschland keine Moscheen bauen dürfen |
Widerlegungsstrategien
Angriff auf den unstrittigen Befund (u)
Üblich ist der Angriff auf den unstrittigen Befund (u), in diesem Fall also der Behauptung, dass Christen in der Türkei keine Kirchen
bauen dürfen. Dieser Angriff ist natürlich möglich, denn in der Türkei gibt es durchaus viele Kirchen, sogar im Iran gibt es Kirchen.
Der Angriff auf (u) ist aber nicht unproblematisch, da er sehr schnell und vorhersehbar in einer Danone-Argumentation mündet (fruchtig, nein cremig, fruchtig, nein cremig....).
Das ist in Ordnung, wenn Sie eine schriftliche Abhandlung verfassen, und das Problem in seiner gesamten Tiefe wahrhaft erschöpfend behandeln möchten.
Elegant: Angriff auf das Beweisprinzip (p)
Beim tu quoque Argument gibt es im Wesentlichen zwei sachliche Einwände:
- Gültigkeit: Ist eine Handlung „in Ordnung” nur weil jemand anders sie auch vornimmt?
- Anwendbarkeit: Ist der dem ich die Handlung „anrechne” überhaupt der, der unter den Folgen meiner Handlung leidet?
In diesem Fall:
Gültigkeit
Man wird selten bejahen, dass eine Handlung in Ordnung ist, nur weil jemand anders sie auch begeht.
Wenn in der Türkei das Militär gegen eine demokratisch gewählte Regierung putscht, wird niemand
ernstlich hergehen und sagen, dass sollten wir auch mal tun. Unrecht bleibt Unrecht, auch wenn es jemand
anders ebenfalls begeht.
Anwendbarkeit
Wenn überhaupt, so verhindert der türkische Staat den Bau der Kirchen und nicht die Moslems, die in Kreuzberg
gern eine Moschee bauen möchten. Eine wie auch immer abgeleitete Sanktion sollte also, wenn überhaupt, dann
den türkischen Staat treffen und nicht einige türkische Moslems. (Mal ganz abgesehen davon, dass es im Kreuzberg-Streit
garnicht um türkische Moslems geht.)
In diesem Sinne für Sprechkultur
Timm Reinisch
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