Manchmal macht man Erfahrungen, die man lieber nicht gemacht hätte. Aber das schöne an solchen Erlebnissen ist doch, dass wenn man mit etwas Abstand über sie reflektiert, doch noch die eine oder andere Lehre und neue Erkenntnis aus ihr gezogen werden kann.
Ebenso ist es mir vor einiger Zeit ergangen – als ich an die Grenzen meiner ganz eigenen Sprechkultur gestoßen bin…
Das Ereignis ist schnell erzählt und soll nicht in boulevardesker Art und Weise weiter ausgebreitet werden, als für die folgenden Gedanken notwendig:
Sagen wir also, ich hatte Anfang des Jahres das Vergnügen, die Bekanntschaft einiger spätpubertierender Jugendlicher zu machen, die sich im Zenit ihrer schlechten Manieren und an der gesetzlichen Schwelle zur Volljährigkeit befanden. Zu meinem nachwirkenden Bedauern, durfte ich mir eine Busreise nach Paris mit diesen jungen Herren teilen. Und während so gegen halb vier in der Nacht mein eigenes Bedürfnis nach zumindest rudimentär erholsamem Schlaf die mir eigene Toleranz gegenüber dem augenscheinlich erforderlichen nächtlichen Meinungsaustausch dieser Gemeinschaft überwog, durfte ich nach einem kurzen diesbezüglichen Hinweis feststellen, dass meinen Mitreisenden jegliche Toleranz für mein Schlafbedürfnis fremd war.
Also versuchte ich es mit Argumenten. Aber bei dieser Gruppe von Menschen – und damit ist sicherlich nicht nur diese spezielle Gruppe gemeint und ich bin sicherlich nicht der Einzige, der eine solche Erfahrung schon einmal gemacht hat – konnte ich weder mit einer ausgefeilten induktiven Beispielargumentation noch mit einem klassischen Argumentationsschema punkten. Das einzige Feedback, dass ich von deren Seite bekam, bestand in einer prinzipiellen Verweigerungshaltung, gepaart mit einigen Kraftausdrücken aus dem Bereich der bodenständigen Sexualbiologie. Dass diese Form des Feedbacks nicht ideal ist, können Sie einem unserer Beiträge zu diesem Thema entnehmen. Dass es den Herren in dieser Situation allerdings nicht auf ein ideales Feedback angekommen ist, können Sie sich sicher auch denken…
Stoßen wir hier also auf die Grenzen unserer Sprechkultur? Ist alles, was wir hier an Schulungen und Training anbieten nur in bestimmten Situationen zu gebrauchen? Ja, heißt dies letzten Endes, dass man unsere Bemühungen mit einer simplen Verweigerungshaltung und einigen verbalen Ausfällen zunichte machen kann?
Eines vorweg: Kommunikationstraining setzt in seiner praktischen Anwendung natürlich immer Kommunikation voraus. Sollte diese nicht stattfinden (können oder wollen), so hilft Ihnen auch die beste Schulung nichts. Sollte man deshalb aber ohnmächtig kapitulieren und jene Grenzen von Sprechkultur akzeptieren?
Nein!
Und dies aus zwei Gründen:
Doch nicht nur derjenige, der zunächst auf Kommunikation setzt, ist gut damit beraten. Auch dem Totalverweigerer ist ein Umdenken anzuraten Denn, um das obige Beispiel wieder aufzugreifen, in meiner Situation sind die Jungs mit ihrem Verhalten natürlich nicht durchgekommen. Nachdem ich meine eigene Grenze der Sprechkultur nach drei Tagen überschritten hatte, mussten diese die schmerzhafte Erfahrung machen, dass ich ihnen körperlich überlegen war. Neben den kurzfristig empfundenen Beeinträchtigungen infolge physischer Gewaltanwendung meinerseits (keine Sorge, werter Leser – in Maßen und angemessen; ohne bleibende Schäden…) wurden meine Gegenüber natürlich auch noch von einem – Zitat – „Spießer“ gedemütigt. Diese Demütigung haben sie sich infolge ihrer Verweigerungshaltung aber selbst zuzuschreiben. Kommunikation hätte dies vermieden. Natürlich kennt eine Diskussion nicht nur Gewinner. Aber oft genug wird man versuchen, eine Win-Win-Situation mit guten Ergebnissen für beide Seiten zu schaffen. Man will sich in der Regel ja einigen. Und selbst wenn am Ende einer verbalen Auseinandersetzung ein klarer Verlierer steht, so ist dieser doch wenigstens nicht in dem Maße gedemütigt, wie nach einer zwangsweisen Durchsetzung der Rechte des Gegenübers – sei es in Form von Selbsthilfe oder obrigkeitlichem Zwang. Auch der Kommunikationsverweigerer tut sich also keinen Gefallen…
Es lohnt sich also, an seiner eigenen Sprechkultur zu arbeiten. Egal, wie die eigenen Ziele definiert sind und auf welcher Seite man steht. Immer.
Sprechkultur hat ihre Grenzen. Aber das ist kein Grund, diese zu akzeptieren!
In diesem Sinne, Ihr
Sebastian Berg
Verschiedene Arten der Personalentwicklung. Mit einer Prise Salz zu geniessen!