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Dossier

Inhalt

  1. Einleitung
  2. Das Problem
  3. Alternative
  4. Mit dem Kopf durch die Wand ...
  5. Fazit

Einleitung

Tagein, tagaus begegnet man ihnen: normativen Argumenten oder besser gesagt der normativen Argumentation. Eigene Standpunkte werden zur Unterstützung dadurch gefestigt, dass sie gleichzeitig den Willen des Gesetzes und damit des Gesetzgebers wiedergeben. Man sichert sich durch den Rückgriff auf eine höhere Autorität, in diesem Fall das demokratisch legitimierte Gesetzgebungsorgan ab und verleiht so seiner Ansicht eine gewisse Endgültigkeit beziehungsweise Unangreifbarkeit. Vordergründig zumindest. Denn die Gefahr besteht immer darin, dass man bei normativer Argumentation seine eigenen Ansichten nicht nur zu festigen sucht, sondern sich auf den Standpunkt und die Entscheidung einer höheren Autorität zurückzieht.

Sinn und Zweck

Dies ist, so man eine bestimmte Entscheidung herbeiführen will, für sich genommen nichts Schlechtes. Der Rückgriff auf eine Norm führt zu einer Lösung, bringt somit eine Klärung des Streitfalles und tut dies vor allem schnell. Hierin liegt die Stärke der Norm. Allgemein akzeptiert sorgt sie für Verlässlichkeit und schnelle Konfliktlösung. Dabei muss der jeweilige Gegenüber die Norm selbst noch nicht einmal akzeptieren. Die Tatsache der gesellschaftlichen Akzeptanz und ihre notfalls staatliche Durchsetzbarkeit sorgen in der Regel dafür, dass er sich ihr beugt.

Das Problem

Und genau dies ist auch das Problem; gleichsam der Punkt, an dem eine verführerisch einfache Lösung sich in ihr Gegenteil verkehrt. Will man nur einen einzelnen Streitfall schnell klären, so sind Normen und Gesetze Werkzeuge, oftmals in den Händen von Juristen, die eine Lösung anhand jener Gesetze suchen. Weder über die Norm noch über den konkreten Fall im Einzelnen hinaus.

Überzeugen statt beugen

An diesem Punkt unterscheiden sich viele Diskussionen, Debatten, Verhandlungen und kommunikative Beziehungen aber von solchen einzelfallbezogenen Streitentscheidungen. Denn jene Gespräche versuchen für gewöhnlich nicht, den Gesprächspartner zu beugen und ihn der eigenen Meinung zu unterwerfen, sondern ihn zu überzeugen.
Wenn man Überzeugen will, sollte man tunlichst eines vermeiden: den Gebrauch von Totschlagargumenten. Und genau dies ist es, was eine normative Argumentation ausmacht. Man beruft sich auf eine Norm als abschließende Meinung, lässt dem Gegenüber nicht die Möglichkeit darauf abwägend oder auch gänzlich konträr einzugehen, sondern verschließt sich diesem.

Ein schwacher Standpunkt

Warum? Ist der eigene Standpunkt so schwach, dass einem selbst keine Argumente einfallen? Dann sollte man seine Position vielleicht noch einmal überdenken. Natürlich kann auch der absolute Eigennutz ein durchaus legitimes Argument sein. Nur wahrscheinlich kein besonders ausschlaggebendes für den zu überzeugenden Partner – und wir gehen davon aus, dass Sie diesen für den angestrebten Nutzen überzeugen müssen, denn sonst würden Sie wohl kaum mit ihm diskutieren, sondern einfach entscheiden oder sich auf eine Norm zurückziehen. Sind Sie aber in irgendeiner Weise, und sei es langfristig, auf seine Kooperation angewiesen sollte Ihnen etwas Besseres einfallen…

Alternative

Wollen Sie eine Argumentation verfolgen, die der Sichtweise einer bestimmten Norm entspricht, so sollten Sie anstelle der Norm selbst besser mit den Argumenten in das Gespräch hineingehen, auf denen die Norm aufbaut. Ein Großteil unserer heutigen Normen ist schließlich nicht gottgegeben, sondern von Menschenhand geschaffen. Mithin stellen sie die Antwort – oder zumindest den Versuch einer solchen – auf ein aktuelles Problem dar. Normen sind also stets eine gewollte Veränderung des status quo, für die es zum Zeitpunkt ihrer Entstehung auch Argumente gegeben haben muss. Finden Sie diese heraus und machen Sie sich diese zu eigen! Oder machen Sie sich Ihre eigenen Gedanken hierzu. Hauptsache ist, dass Sie den Sinn und Zweck der Norm kritisch reflektieren, wenn Sie argumentativ bestehen wollen.

Nicht absschneiden sondern einladen

Denn eine vom Gesetzgeber fixierte Norm ist für sich gesehen nichts weiter als eine kodifizierte Vorschrift – eine Zäsur. Ein Kodex stellt eben immer Zäsur dar; er schneidet Altes ab, und regelt alles im Sinne der neuen Entscheidung. Sie können es sich natürlich auch in einer Diskussion leicht machen und die „alte“, also vor Inkrafttreten der Norm geführte, Diskussion mit all ihren Argumenten abschneiden und sich bloß – normativ – auf das Ergebnis, eben die Norm berufen. Wie eingangs bereits erwähnt, kann das in der juristischen Bewältigung von Streitfällen sinnvoll sein. Dass dies nicht zwingend so ist, möchte ich noch aufzeigen. Unbenommen davon wird eine solche Argumentation den eigenen Partner aber nicht befriedigen, da man schnell in eine Situation verfällt, in der die Norm als Totschlagargument nur den eigenen Standpunkt stützt, ohne ihn entsprechend darzulegen. Erneut: das ist in Ordnung, wenn man bloß den kurzfristigen Erfolg sucht, siegen, gewinnen will. Für eine langfristige Überzeugung und Bindung ist dies Gift.

Mit dem Kopf durch die Wand ...

Daneben ist eine solche Vorgehensweise aber auch mittelfristig für Siegertypen schlecht, die sich nach meiner obigen Analyse schon mit dem Kopf durch die Wand wähnten. Vielmehr liegt eben jener nämlich immer dann in der Schlinge, wenn die Verhandlungen ein wenig länger dauern und ihr Partner die Möglichkeit zur Recherche hat.

Alles Auslegungssache

Denn da eine normative Argumentation stets die Berufung auf eine höhere Autorität ist, durch die man sich unangreifbar zu machen versucht, begibt man sich in eine trügerische Sicherheit. Ich vermute es überrascht niemanden – liebe Leser, wenn ich Ihnen als Jurist sage, dass die meisten Normen ein Interpretationsspielraum haben. Hat man sich nun also nun einmal auf eine Norm als Argumentation verlassen, bedarf es von Seiten Ihres Gegenübers nur einer anderen Interpretation dieser Norm von höherem Ansehen um Ihr eigenes Berufen auf die Norm argumentativ, so man in diesem Zusammenhang davon sprechen kann oder will, zu negieren. Denn falls jene Interpretation durch eine beispielsweise angesehene Lehrmeinung oder ein übergeordnetes Gericht anders lautet als die eigene, ist man aufgeschmissen und verliert an Boden. Einmal auf das Glatteis einer normativen Argumentation begeben, muss man nämlich zum einen jede Pirouette des Gegners staunend anerkennen, so er bei der Auslegung der Norm eine höhere Autorität auf seiner Seite hat.

Weg ohne Wiederkehr

Zum anderen – und dies ist dann besonders bitter – ist einem auch der Weg in die eigentliche Argumentation versperrt. Denn man ist es selbst gewesen, der diesen Weg verlassen und somit die Spielregeln der Diskussion festgelegt hat. Unabhängig davon wären die eigenen Chancen hier recht beschnitten: Die Auslegung Ihres Gegenübers setzt für sich nämlich wiederum Argumentation voraus. In unserer Situation hat man nun aber als Reaktion auf das eigene Verhalten dort möglicherweise gegen einen stärkeren Gegner zu kämpfen, der das Feld bereits betreten und eine Argumentation innerhalb und durch seine Interpretation vorgegeben hat. Hiergegen anzugehen dürfte ungleich schwerer fallen, als es von Anfang an mit den eigenen Argumenten zu versuchen.

Fazit

Normative Argumente sind also kein Widerspruch in sich, aber einen Gefallen tun Sie sich damit auch nicht. Nutzen Sie also besser die Argumente, die hinter einer Norm stehen. Dies hilft nicht nur Ihnen, sondern auch dem von Ihnen geführten Gedankenaustausch.

Denn„wer sich in der Diskussion auf eine Autorität beruft, gebraucht nicht den Verstand, sondern sein Gedächtnis.“

Leonardo da Vinci

In diesem Sinne, Ihr Sebastian Berg